Starke Poetry Slams aus der EF

Das Thema Poetry Slam forderte einige kreative Köpfe des Deutschunterrichts (EF) heraus. Hier könnt ihr einige "Lieblingstexte" nachlesen.

 Was ist eigentlich  Poetry Slam?

Ein Poetry-Slam ist ein literarischer Wettbewerb, bei dem selbstverfasste Texte innerhalb einer bestimmten Zeit vorgetragen werden. Das Publikum kürt anschließend den Siegerbeitrag. Die Darbietung wird häufig durch performative Elemente und die bewusste Selbstinszenierung des Vortragenden ergänzt. 

Poetry im Unterricht

Mittlerweile ist die Auseinandersetzung mit lyrischen Texten, die von Slam Poeten performt wurden, natürlich auch Gegenstand des Deutschunterrichts. In der Reihe "Lyrik – Selbst sein, fremd sein“ steht nicht nur die Analyse mit den (zumeist) gesellschaftskritischen Texten auf dem Plan, sondern auch das Verfassen eigener Poetry Slams.
Frau Granitza und Frau Hofmann konnten sechs ihrer Schülerinnen überzeugen, ihre Texte hier zu präsentieren. Erstaunliche, starke Texte, die es zu lesen lohnt und die nachdenklich machen.

 

Egozentrisch von Greta Beck

Ich hasse dich für dich.
Nicht, weil du ein schlechter Mensch bist.
Sondern, weil es für dich nur dich gibt.
Du versuchst krampfhaft es zu bestreiten:
"Die Schuld liegt nicht bei mir".
Das sagst du und bleibst dabei.
Würdest du es nur sagen,
Dann würd' ich mich nicht so schmerzhaft beklagen.
Doch das Problem ist, du lebst danach
Und verletzt mich dabei mit jedem Schlag.

Du hast was gegen mich.
Weil ich gegen dich bin.
Weil ich mich beklage.
Weil ich als einzige was sage.
Denk mal drüber nach, dass du Kritik nicht verträgst
Und wie du dabei gegen dich selbst stehst.
Wart doch ab, bis die ganze Welt gegen dich ist.
Sich wehrt gegen dich.
Sich stellt gegen dich.

Du musst darauf nicht lang' warten.
Denn ich mach' einen auf die ganze Welt.
So wie du einen auf gute Freundin.
Mir egal, wenn ich die einzige bin.
Die sich gegen dich stellt.
Die sich gegen dich wehrt.
Ich bin vielleicht allein.
Doch ich mach’ einen auf die ganze Welt.
Zerstör’ dabei deinen falschen Schein.
Kritisier' dabei dein fehlerhaftes Sein.

Denn du stehst für das.
Was ich hasse.
Was ich verabscheue
Und nicht dabei belasse.
Du bist nur für dich
Und redest schlecht über mich.
Du tust das, was du an anderen hasst.
Du bist die Definition von egozentrisch,
Und verhältst dich dabei noch heuchlerisch.

Das, was ich aber am meisten an dir liebe ist,
Dass du gerade nicht hier bist,
Kein Teil meines Lebens bist.
Das ist auch der beste Teil an dir.
Denn selbst wenn es mich zu einem schlechten Menschen macht,
Sage ich:
Ich hasse dich für dich.
Nicht, weil du ein schlechter Mensch bist.
Sondern, weil es für dich nur dich gibt.
Weil du mir nur zeigst, was egozentrisch ist.

Limit von Carolin Ledig

 12 Sekunden zum Tiefdurchatmen,

12 Sekunden bis zum ersten Wort.

Am Anfang eine leichte Lache.

Eine Lache, die sich sorgenlos leicht anhört.

Ich wusste von Anfang an, es gibt nur einen richtigen Weg, I take it.

Ich wusste von Anfang an, es gibt nur ein Einwegticket.

Der Weg, der mich führt, führt mich zu der Sorglosigkeit.

Ein einmaliges Gefühl ohne Limit.

Ich will es steigen lassen.

Zusammen in den Armen der Menschen, die ich liebe.

Zusammen steigen wir auf und schreien: „Limit“.

Jeder Sprung in die Luft passend zum Beat.

Hand in Hand schauen wir uns an und wir Vier singen unser Lied.

Für einen Moment hält das Leben an und wir genießen es.

Wir sind glücklich, nennen uns „crazy girls“.

Haben den Abend überstanden,

in den Armen der Jungs lachen wir,

sprechen Dank aus mit den Worten „Wir sind verliebt“,

auch sie wissen es, es ist unser Lied.

Nasser Himmel von Jolina Otto

Nasser Himmel, Kaltes Herz,

Rote Tränen, Seelenschmerz,

Will vergessen, was nie war,

Schließ' die Augen und sehe deine, hell und klar.

Wünscht' das Schicksal hätt' uns früher zusammen gebracht

Und mich zu deinem besten Freund gemacht,

Denn ich will jede Sekunde meines Lebens nur mit dir verbringen,

Warum hab ich 's dir nicht gesagt, bevor wir auseinander gingen?

Frag' mich immer, was wäre wenn?

Was wäre, wenn wir uns schon ewig kennen?

Bild' mir ein, dass wir beide auf derselben Stufe steh'n,

Weil ich in deinen schönen Augen meine Zukunft seh',

Wünsch' mir, wir könnten für immer sein,

Doch ich bin Regen und du Sonnenschein,

Seh' dich lieben, lachen, leben, weinen,

Und ich steh' nur daneben, werde mein Leben nie mit dir teilen,

Wünschte ich könnt für immer bleiben,

Zeit lässt uns auseinander treiben,

Und Ich weine rote Tränen,

Keiner wird mich je verstehen,

Warum bleibt die Zeit nicht stehen?

Bald schon, Liebes, muss ich gehen,

Eines lass' ich dich wissen,

Werd' dich auf ewig vermissen,

Deine Liebe ist mein Tatort,

Die Tat: sozialer Selbstmord,

Alles Schwarz und Weiß, heißer Regen auf kalter Haut, mein Blick ist

leer,

Warum ist Loslassen so schwer?

Vielleicht lieb' ich dich

zu sehr.

 

Angst von Mounaya Loreto

Diese großen Städte machen mir Angst.
Möchte mich nur noch verstecken.
Verkriechen in meinen Hoodie.
Unauffällig sein. 
Herabblickende
Blicke.
Ich habe doch nur gelacht.
Darf nicht mal mehr die Freude am Leben haben.
Habe sie sowieso nicht mehr. 
Auf meine Tränen, die gleiche Reaktion.
Was ist denn los hier?

Muss mein falsches Gesicht aufrechterhalten.
Diese billige Fassade, die dennoch keiner durchschaut.
Ein „Ich bin nur müde“ reicht wohl aus. 

Doch die Stadt ist nur so geformt wie die in ihr lebenden Menschen.
Seht ihr denn nicht, wie da jemand zusammengeschlagen wird? 
Hört ihr denn nicht, wie da jemand zu Unrecht beleidigt wird? 
Fühlt ihr denn nicht, die Spannung zwischen uns? 
Merkt ihr denn nicht, dass hier etwas geändert werden muss?
Nein. 

Ihr versucht es nur zu verdecken. Wendet eure Blicke ab. Starrt auf eure Handys. 
Ihr versucht es nur zu übertönen. Seid lauter als die Schreie. Würdet es sonst Ruhestörungen nennen. 
Ihr versucht es nur zu unterdrücken. Überschüttet eure Leben mit falschen Gefühlen. Werft euch nur Blicke zu. 
Ihr macht mir Angst. Doch euch ist das egal. 
Ihr macht mir Angst. Mit eurer Ignoranz. Wollt ihr denn nicht helfen? 
Ihr macht mir Angst. Mit eurem Geschrei. Seid doch mal leise und genießt die Stille. 
Ihr macht mir Angst. Mit euren Blicken. Hasst ihr mich so sehr? 
Ihr macht mir Angst. Mit eurer Faulheit. Tut doch endlich was dagegen.
 
Wenn schon nicht meinetwegen. Ich bin sowieso schon verloren. Dann denkt an die anderen. An die Kinder. An die vielen weiteren Generationen. 
Aber auch, wenn ihr euch bessert. Für mich gibt es keine Hoffnung. 

Ich werde immer Angst haben. Es gibt jedes Mal Ausnahmen. 
Ich werde immer die Fassade, diese Maske, besitzen und tragen. Auch, wenn sie langsam bröckelt. 
Ich werde niemals euren Idealen entsprechen. Und solange ihr das nicht akzeptiert, 
werde ich immer Angst haben. 
Angst vor euch. 
Angst vor der Stadt. 
Angst vor dem Leben. 

PRAYER OF REFUGEE von Luzi Graupeter

Wir hatten ein zu Hause,
ein Gefühl von Sicherheit
und das Glück Liebe zu empfangen.
Wir machten zusammen Pause,
kannten Dankbarkeit
und machten nichts, was alle verlangen.

Unsere Gefühle sind nun egal.
Das alles haben wir zurückgelassen.
Krieg zu verpflichten sei legal?
Nun müssen wir lernen zu hassen.

Was ist mit meinen Tränen?
Unter den ganzen Bomben werden sie nicht gehört, NEIN!
Was ist mit meinem Feuer?
Es wird mich nicht länger warm halten, NEIN!
Was ist mit meiner Familie?
So viele Menschen um mich herum,
doch keiner ist für mich da, NEIN!
Und was ist mit mir?
Ich bringe mich noch um,
doch ohne, dass ich sterbe, NEIN!

Was bringt uns das Beten, was bringt uns der Krieg, was bringt uns das Schweigen, was bringt uns das Schreien, was bringt uns das Rennen, was bringt uns das Stehen?

Ich will flüchten, ich will gehen.
Ich will das Gute der Welt sehen.

Ich werde flüchten, ich werde gehen.
Ich werde siegen, ich werde lieben.
Ich werde weinen vor Freude.
Ich verfolge meine Träume.

Mein Leben ist jetzt!
Das lasse ich mir nicht nehmen,
NEIN!

Niemand kann mich aufhalten.
Niemand kann mir den Hass zurück geben.
Ich habe ein zu Hause,
ein Gefühl von Sicherheit
und das Glück Liebe zu empfangen.
Ich mache Pause,
kenne Dankbarkeit
und mache nichts, was alle verlangen!
NEIN!

 

Ein Liebesbrief an die Gesellschaft (Anonym)

Ich hasse Menschen.
Ich hasse die Erwartungen, die sie an mich stellen -
du hast das zu denken, das zu tun, das zu sagen, das zu fühlen.
Ich hasse ihre Kurzsichtigkeit, mit der sie andere Menschen betrachten,
und dass sie nicht hindurchsehen, wenn man ihnen ihre Brille hinhält.

Ich hasse es, dass sie einen nicht wenigstens in Ruhe lassen mit ihren Vorurteilen,
sondern immer die gleichen manipulativen Fragen stellen,
obwohl sie sich die Antworten sowieso selbst ausdenken.
„Ist es nicht furchtbar anstrengend, immer darauf zu achten?"

Menschen hören doch nur das, was sie wollen.
Und dann erzählen sie ihre Version hinter meinem Rücken weiter,
und sie lachen, ohne es zu verstehen.
Und sie verstricken sich weiter in ihren Vorurteilen und ihrem Lachen,
reden hinterm Rücken, hinter ihrem Rücken, deinem Rücken, meinem Rücken,
um das Lachen ins richtige Licht zu rücken, verstricken ihre Vorurteile,
bis sie irgendwann ihr Strickzeug verurteilen.

Und sie denken nur an sich.
„Warum sollte ich mich darum kümmern?"
Die anderen sind immer schuld.

„Die anderen zerstören unsere Kultur, die anderen klauen unsere Arbeit,
die anderen wollen nur unser Geld, die sollen doch einfach dahin zurück gehen, wo sie herkommen!", sagen sie.

Sie denken an sich, aber leider bedeutet Andenken nicht gleich Nachdenken.
„Ich würde sowas ja nie machen, natürlich bin ich dagegen! Ich mache mir doch nur Sorgen."
Sie verstehen nicht, dass uns das alle angeht,
oder vielleicht verstehen sie es, aber es interessiert sie nicht.
„Juckt mich doch nicht."
Aber warum nicht?

Vielleicht ist es einfacher, wegzuschauen und stattdessen den buntesten Fisch im Aquarium anzustarren.
Und vielleicht ist es cool geworden, sich nicht für irgendwas zu interessieren,
denn irgendwie tun das alle, und *wenn* irgendwann irgendjemand etwas sagt, wird er zum neuen Zootier.
Und das möchte keiner.
Jeder möchte akzeptiert werden, trotzdem möchte jeder einzigartig [und individuell] sein
-Aber nicht zu sehr!- und das,

das ist schon ziemlich verständlich.

Wir alle sind Menschen: du, ich,
auch ich bin nicht besser, auch ich mache da mit.

Eigentlich liebe ich diese Welt.

Und ich liebe diese Menschheit, auch wenn ich das schnell vergesse, bei all dem Krieg [und dem Streit, der Ignoranz] und dem Hass.
Und wie soll sie denn etwas schaffen, wenn niemand an sie glaubt?

Allein das Lächeln eines Fremden kann einen Tag verändern.
Wir haben den Drang, uns auszudrücken, etwas von uns zu hinterlassen.
Wir bemalen Blätter, Wände, Tische, Haut, Gesichter, schreiben Geschichten und Gedichte.
Wir schauen ins All, hoffend, dass wir nicht alleine sind, denn wir wollen nicht alleine sein.
Wir brauchen Gemeinschaft so sehr, dass wir oft ein Leben lang bei unserer Familie bleiben.
Wir suchen uns Freunde und leben in Städten.
Menschen sind neugierig, wir wollen die Welt entdecken, andere Länder und Kulturen kennenlernen,
andere Menschen kennenlernen, sich mit ihnen unterhalten, Wissen austauschen, Gedanken teilen,
wir hinterfragen unser Dasein.

Wir wollen die Zukunft verändern und im Grunde wollen wir alle, dass es uns gut geht.
Wir haben Kommunikation auf der gesamten Welt erschaffen,
indem fast alle Menschen eine Sprache sprechen.
Das ist schon [irgendwie] cute von uns.

Der Mensch ist ein asoziales Wesen, aber vor langer Zeit müssen wir als Gesellschaft mal erkannt haben,
dass wir zusammen mehr bewirken können.

Und vielleicht ist dieser Text cringy, aber auf jeden Fall kitschig und von mir aus lacht darüber.
Mir ist es nicht egal, aber ich weiß, dass es anderen auch so geht.

Ich frage mich, wie die Welt aussähe, wenn wir die Zeit und Energie,
die wir darauf verwenden andere zu beleidigen, darüber zu lachen und sie zu verurteilen,
dafür verwenden würden, gemeinsam etwas zu erreichen.

Und ich hoffe, dass das irgendwann passiert, denn ich mag Menschen.